Shopware 6 oder WooCommerce? Was wann besser ist
Zwei Open-Source-Welten, beide selbst hostbar, beide DSGVO-fest. Wer Shopify oder ePages hinter sich lassen will, landet fast immer bei einer dieser zwei Plattformen — und die Entscheidung ist nicht trivial. Hier der ehrliche Vergleich, ohne dass ich am Ende rauskommen muss, dass Shopware "gewinnt". Es gibt Fälle, in denen WooCommerce die richtige Antwort ist, und ich sage offen welche.
Was beide gemeinsam haben
Damit klar ist, wo der Vergleich überhaupt sinnvoll ist:
- Open Source — kein Lizenz-Schreck, der Code gehört dir nicht, aber niemand kann ihn dir wegnehmen.
- Selbst gehostet — auf deinem Server, mit deiner Datenbank. Kein US-Cloud-Lock-in.
- DSGVO-tauglich — beide laufen sauber auf EU-Servern, beide haben halbwegs vernünftige Cookie-Banner-Integrationen.
- Plugin-Marktplätze — beide haben tausende Erweiterungen, kostenlos und kostenpflichtig.
- Aktive Communities — beide haben deutsche Foren, Doku auf Deutsch, etablierte Dienstleister.
Wer einen dieser Punkte als Auswahl-Kriterium ansetzt: beide tun's. Die Entscheidung liegt woanders.
WooCommerce ist ein WordPress-Plugin — das ist die wichtigste Eigenschaft
WooCommerce ist nicht ein eigenständiges Shop-System. Es ist ein WordPress-Plugin. Das hat eine fundamentale Konsequenz: dein Shop läuft als Teil deiner WordPress-Webseite, mit allem was WordPress mitbringt — Blog, Theme-System, Plugin-Ökosystem, Updates-Druck, Plugin-Konflikte.
Das ist eine Stärke, wenn der Shop nicht der Mittelpunkt deines Online-Auftritts ist, sondern ein Teil. Ein Beispiel: du bist Coach, dein Hauptgeschäft sind Beratungs-Stunden. Dein Online-Auftritt ist eine WordPress-Seite mit Blog, About, Kontakt — und du willst zusätzlich 10 PDF-Workbooks und 3 Online-Kurse verkaufen. Da ist WooCommerce die richtige Antwort. Ein eigenes Shop-System wäre Overkill.
Es ist eine Schwäche, wenn der Shop der Hauptzweck ist. Sobald du 200+ Produkte mit Varianten, B2B-Preislisten, mehrsprachige Sortimente oder anspruchsvolle Logistik-Anbindung brauchst, fängt das WordPress-Fundament an zu rauschen. Plugins reiben sich, Backend wird unübersichtlich, Performance wird zur ständigen Aufgabe.
Shopware 6 ist von Anfang an Shop-Software
Shopware ist keine erweiterte Webseiten-Software, sondern ein dediziertes Shop-System. Das Datenmodell ist auf Produkte, Varianten, Kategorien, Bestellungen ausgelegt. Das Backend ist auf Sortimentspflege fokussiert. Multi-Channel, B2B-Mode, Marketing-Automation, Steuer-Konfiguration für unterschiedliche EU-Länder — alles eingebaut, nicht nachgerüstet.
Der Preis dafür: mehr Tiefe heißt mehr Komplexität. Das Backend ist mächtiger, aber auch nicht in 15 Minuten erlernt. Server-Anforderungen sind höher (kein 5-€-Shared-Hosting, sondern ein eigener VPS ab ~5 €/Monat aufwärts). Theme-Anpassungen erfordern Twig-Kenntnisse statt PHP-WordPress-Pattern.
Wann WooCommerce die richtige Antwort ist
Vier Konstellationen, in denen ich offen sage: WooCommerce, nicht Shopware.
1. Wenn du eine bestehende WordPress-Seite hast und Shop ergänzt. Du hast 5 Jahre Blog-Content, deine SEO-Rankings hängen an WordPress-URLs, dein Theme ist deine Brand. Ein WooCommerce-Plugin daneben ist sinnvoller als ein zweites System nebenan.
2. Wenn der Shop ein Beiboot ist. Dein Hauptgeschäft sind Dienstleistungen, Beratung, Workshops. Du verkaufst zusätzlich ein paar digitale Produkte, vielleicht 5–30 Artikel. WooCommerce passt — die Investition in Shopware würde sich nicht amortisieren.
3. Wenn dein Sortiment unter 50 Produkten bleibt. WooCommerce skaliert gut bis dahin. Drüber wird's mit der Standard-Konfiguration zäh — du brauchst dann zusätzliche Performance-Plugins, einen besseren Server, mehr Pflege.
4. Wenn du ohnehin schon eine WP-Agentur hast. Wenn dein Webseiten-Dienstleister WordPress kann, ist es sinnvoll, im gleichen System zu bleiben — nicht ein zweites Ökosystem aufmachen, das niemand außer dir kennt.
Wann Shopware 6 die richtige Antwort ist
Spiegelbildlich. Vier Konstellationen, in denen Shopware passt.
1. Wenn der Shop dein Hauptgeschäft ist. 100+ Produkte mit Varianten, mehrere Kategorien, der Verkauf ist der primäre Umsatz-Treiber — dann ist ein dediziertes Shop-System die richtige Grundlage. Das Backend ist auf diese Arbeit ausgelegt.
2. Wenn du B2B-Anteile hast. Kundengruppen mit unterschiedlichen Preisen, Staffelpreise, Net-Preisen ausgewiesen statt Brutto, Sammel-Bestellungen mit Bestellnummern — alles Standard in Shopware 6, alles Aufwand in WooCommerce.
3. Wenn dein Sortiment wächst. Du verkaufst heute 80 Produkte, planst aber 500 in 18 Monaten. Mit Shopware machst du das Migrations-Wachstum von Anfang an mit. Mit WooCommerce kämst du in 18 Monaten an einen Migrations-Punkt.
4. Wenn Lock-in dich nervt. Wer von Shopify wegkommt, will in der Regel kein System, das ähnliche Lock-in-Tendenzen hat. Shopware Community Edition ist vollständig Open Source, das Sortiment exportiert sauber, der Wechsel zu einem anderen Dienstleister bei Bedarf ist möglich. Bei WooCommerce gilt das auch — die Plugin-Abhängigkeit kann aber zu ähnlichen Effekten führen wie Shopify-Apps, wenn man's nicht im Griff hat.
Was bei den Kosten gleich ist — und was nicht
Beide Plattformen sind in der Lizenz kostenlos. Der Hosting-Unterschied ist kleiner als oft behauptet: WooCommerce läuft auch nicht produktiv auf einem 3-€-Shared-Hosting, sobald der Shop ernst zu nehmen ist. Realistisch reden wir bei beiden über 8–15 €/Monat Hosting für einen kleinen bis mittleren Shop.
Der echte Kostenunterschied liegt im Pflege-Aufwand. WordPress-WooCommerce-Setups bekommen pro Monat 5–10 Plugin-Updates plus Core-Updates plus Theme-Updates. Da kommen regelmäßig Konflikte, etwas geht kaputt, jemand muss dran. Bei einer reinen Shopware-6-Installation ohne wilden Plugin-Park kommen monatlich 1–3 Updates, in der Regel konfliktfrei. Wer das selbst pflegt, hat bei WordPress mehr Beschäftigung. Wer Wartung einkauft, zahlt bei WordPress oft mehr — schlicht weil mehr passiert.
Wer den ehrlichen Wartungs-Wert auseinanderdrösseln will: das steht im Wartungsvertrag-Artikel.
Mein eigenes Bias — Disclaimer
Selbstkritik-Block, weil's dazugehört: ich migriere primär nach Shopware 6 und habe den lechweb-Plugin-Stack auf Shopware-6-Basis gebaut. Ich bin damit in der Auswahl nicht neutral. Was ich für mich entschieden habe: WooCommerce-Migrationen mache ich auf Anfrage, aber nicht als Standard-Angebot. Wenn dein Bedarf eindeutig WooCommerce-Territorium ist, würde ich dich an einen WP-spezialisierten Kollegen verweisen — eine schlechte Lösung mit dem falschen System zu bauen, lohnt sich für niemanden.
Wer den Vergleich mit Shopify als drittem Spieler braucht, findet hier den 3-Wege-Vergleich. Wer schon weiß, dass es Shopware werden soll, kann den ehrlichen Migrations-Ablauf Schritt für Schritt nachlesen.
Häufige Fragen zu Shopware vs. WooCommerce
Welches System ist günstiger im Betrieb?
Bei vergleichbarer Shop-Größe (50–200 Produkte) liegen die monatlichen Hosting-Kosten gleichauf. Der Pflege-Aufwand ist bei WooCommerce typischerweise höher, weil WordPress mehr Updates und mehr Plugin-Konflikte produziert. Bei sehr kleinen Shops (unter 30 Produkten) ist WooCommerce in der Summe meist günstiger, weil weniger Hosting nötig ist.
Kann ich von WooCommerce zu Shopware migrieren — oder andersrum?
Ja, beides geht. Die Datenmigration von WooCommerce nach Shopware ist gut handhabbar, weil beide ähnliche Datenmodelle haben (Produkte, Varianten, Bestellungen, Kunden). Andersrum ebenfalls möglich. Ich habe meine Migrations-Pipelines aktuell auf Shopify→Shopware und ePages→Shopware optimiert; WooCommerce nehme ich auf Anfrage.
Welches System hat das bessere SEO?
Beide können sauber für Suchmaschinen aufgesetzt werden. Shopware 6 hat bessere strukturierte Daten standardmäßig (Produkt-Schema.org out of the box), WooCommerce gewinnt bei Blog-Content-Integration (weil WordPress nun mal das Content-System schlechthin ist). Wer Shop und Blog gleichzeitig wichtig hat, ist mit WooCommerce näher dran. Wer den Shop separat optimiert, gewinnt mit Shopware.
Welches System ist Zukunftssicherer?
Beide haben aktive Communities und kommerzielle Anbieter dahinter. WordPress ist als Plattform stabiler (nutzt ein Drittel des Webs), Shopware ist im Shop-Segment dominanter in der DACH-Region. Eine Wette auf einen Spieler kann man nicht seriös machen — beide werden in 5 Jahren noch existieren.